Geschichte

Zur Tübinger Korporationsgeschichte

Studentische Korporationen in der heutigen Form gibt es seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Sie haben die Nachfolge der mittelalterlichen Nationes angetreten. Die studentische Jugend, die sich in den Korporationen verband, war geprägt von der französischen Revolution einerseits und vom Freiheitskampf gegen Napoleon andererseits. Sie waren die erste Gruppierung, die für eine Demokratisierung der Gesellschaft und die Einheit Deutschlands eintraten. Das Fest der Burschenschaft auf der Wartburg 1817 und das Hambacher Fest 1832 waren deutliche Signale.

Auch vor Tübingen machte die Studentenbewegung nicht Halt. Es gründeten sich zunächst verschiedene Zirkel, die noch kein fest gefügtes Programm hatten, aber bald entstand auch hier die erste Allgemeine Burschenschaft, die sich ab 1816 Germania nannte. Es war dies ein Zeichen, dass man den Gedanken der alten Nationes aufgegeben hatte und die gesamtdeutsche Lösung suchte. Der Burschenschaft folgten Corps und Landsmannschaften, später dann auch christlich inspirierte Korporationen.

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Bereits 1819 erfolgte ein weit reichendes Verbot der Korporationen durch die Karlsbader Beschlüsse, die aufgrund der Ermordung Kotzebues durch den Erlanger Karl Ludwig Sand, Mitglied der Tübinger Teutonia ergangen waren. Dieses Verbot wurde in den einzelnen Ländern unterschiedlich streng gehandhabt. In Württemberg sah man das zunächst lockerer, entschloss sich dann aber auch zu einem Korporationsverbot nach dem Sturm auf die Frankfurter Hauptwache, an der auch Tübinger “Feuerreiter“ beteiligt gewesen sind. Insgeheim bestanden aber die korporativen Strukturen in der Studentenschaft weiter, und hin und wieder setzte der Rektor diese Studenten - trotz offiziellen Korporationsverbots - auch schon einmal als Ordnungsmacht bei innerörtlichen Unruhen ein, wie beim Sturm auf die Schweickhardtsche Mühle 1847.

 

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Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Korporationsspektrum durch christliche, meist konfessionell ausgerichtete Vereinigungen bereichert, die bürgerliches Bildungsideal und christliche Lebensführung mit korporativer Lebensweise in Einklang zu bringen suchten. So entstanden der überkonfessionelle Wingolf und die KV- und CV-Verbindungen. Es entstanden außerdem Bünde, welche das Tragen von Farben und das studentische Fechten für sich ablehnten und dennoch klassische Korporationen waren.

Mit der Reichsgründung nach dem erfolgreichen Krieg 1870/71 gegen Frankreich war die politische Zielsetzung der Korporationen erreicht. Wie dieses einheitliche Deutschland weiter zu gestalten sei, war nicht mehr ihr Programm. Zunehmend widmeten sie sich also der Traditionspflege, ohne im Konservativen zu erstarren. Jederzeit nahmen die Korporationen auch neue Formen an, die mit ihrer Tradition korrespondierten. Insgesamt hatten die an sich unpolitischen (im Sinne von parteipolitisch) Korporationen mit der Politik ihren Frieden gemacht und lebten überwiegend nur noch sich selbst.

 

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Ende des 19. Jahrhunderts waren die Verbindungen auch in Tübingen in ihren Lebensbünden personell so gefestigt, dass sie an den Bau eigener Häuser als Bleibe für die nachfolgende Jugend denken konnten. So gab es zwischen 1888 und 1910 einen Boom an Verbindungshäusern, meist in exponierter Lage auf dem Österberg und dem Schlossberg. Man war insgesamt stolz auf sich und das 1871 vollendete Reich und brachte mit den Bauwerken Ende des 19. Jahrhunderts auch einen “wilhelminischen Gestaltungswillen” zum Ausdruck. Nach 1900 entstanden Häuser in der stilistischen Veränderung der Baukunst wie z.B. im Jugendstil.

 

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Bei der Herkunft der Studierenden aus dem Bildungsbürgertum wundert es nicht, dass auch die meisten Korporationsangehörigen einer deutschnationalen Gesinnung anhingen, die Korporationen als Vereinigung blieben aber unpolitisch. Jedoch widersetzten sie sich der Gleichschaltung während der Nazi-Diktatur nur zögerlich, einzelne Protagonisten in ihren Reihen waren selbst glühende Hitler-Anhänger. Erst als die Repressalien der Nazis übermächtig zu werden schienen, lösten sich die Korporationsverbände und mit ihnen die einzelnen Mitgliedsverbindungen auf.

Nach dem 2. Weltkrieg versuchte man, vor allem auch das Korporationsstudententum für den Nazi-Terror mitverantwortlich zu machen. Richtig ist, dass für einzelne Mitglieder von Korporationen eine aktive Rolle im Nationalsozialismus belegt werden kann, die große Masse hat sich - wie bei der Gesamtbevölkerung allgemein - weggeduckt. Richtig ist aber auch, dass es unter den Verbindungsmitgliedern auch Widerstandskämpfer gab, was von interessierter Seite aber gerne übersehen wird. Allerdings ist die Geschichte der Korporationen in der Weimarer Zeit und in der Nazi-Herrschaft noch nicht wirklich umfassend erforscht.

Ab 1947 wurden die studentischen Verbindungen von den Besatzungsmächten Schritt für Schritt wieder zugelassen. Eine Blütezeit erlebten sie noch einmal in den 1950er Jahren. Während der Jahre des gesellschaftlichen Umbruchs nach 1968 haben sich auch die Tübinger Korporationen als verhasstes Feindbild der “Linken” mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Gleichwohl hat die damalige Studentenbewegung auch Einfluss auf die Korporationen genommen, was sich bei einigen Verbindungen in der Öffnung für weibliche Mitglieder, der Gründung einer reinen Damenverbindung sowie einer gemischt-geschlechtlichen Verbindung modernisierend auf das Korporationsstudententum ausgewirkt hat. Das Tübinger Korporationswesen besteht also bereits seit Jahrzehnten nicht mehr aus reinen Männerbünden, sondern erfreut sich einer bunten Vielfalt.

Mit dem ArbeitsKreis Tübinger Verbindungen (AKTV) hat sich erst 2004 ein Gremium konstituiert, das sich eine sachlich-neutrale Aufklärung über das Korporationswesen in Tübingen zum Ziel gesetzt hat.

 

Für nähere Informationen sei das Buch “Kleine Burgen, große Villen - Tübinger Verbindungshäuser im Porträt”, ISBN 978-3-924123-70-3, empfohlen. Dort gibt es einen ausführlicheren Artikel über die Entwicklung im 19. Jahrhundert und Verweise auf weiterführende Literatur, die sich mit einzelnen Zeitabschnitten beschäftigt.

 

* mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseums

 

 

 
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